Explodiert der Tibet-Konflikt noch vor Olympia?
Friday, 14.March 2008 um 23:53 Uhr | Breaking News, Free Burma (Birma/Myanmar), Kopfschüttelnd, Krisenherde, Politik
Das die Jagd auf andersdenkende Religionsangehörige, Geistliche und Mönche offenbar pan-asiatische Mode ist, hatte unlängst die birmesische Junta im September 2007 mit der blutigen Niederschlagung von friedlichen Protesten wieder unter Beweis gestellt. Das China nun offenbar in die gleiche Kerbe schlägt und seinen langwierigen Konflikt mit Tibet zu eskalieren droht, muss angesichts der im August in Peking beginnenden Olympischen Spiele extrem alarmieren.
Die ersten gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen chinesischer Besatzung und tibetischem Widerstand seit 20 Jahren haben in Lhasa Tote und Verletzte gefordert. Die Polizei schoss in die Menge, nachdem Tibeter Läden chinesischer Staatsangehöriger verwüstet und geplündert hatten. Den Ausschreitungen waren friedliche Proteste tibetischer Mönche vorausgegangen, die für die Freiheit von China demonstriert hatten und an den 49. Jahrestag des Aufstandes gegen die chinesische Armee erinnerten, während dessen der Dalai Lama gezwungen worden war, als Soldat verkleidet aus seiner tibetischen Heimat nach Indien zu fliehen. Schon am Montag waren deswegen mehrere Mönche festgenommen worden, was nur größere Proteste hunderter Geistlicher provozierte. Tibetische bhuddistische Mönche werden seit Jahren genötigt, ihre Verehrung des Dalai Lamas zu verleugnen.
Ob es tatsächlich schon ein “Aufstand” ist, wie SpiegelOnline schreibt, bleibt unklar. Sicher ist jedoch, dass die seit der Besetzung Tibets 1951 schwelende Krise durch die Eskalation von Gewalt eine neue Stufe erreicht hat. UNO, EU und USA sind alarmiert, der Dalai Lama rief China zur Einstellung der Gewalt und zum friedlichen Dialog auf.
Die Rhetorik wie das Vorgehen sind sowohl in Burma, als auch Tibet zimelich ähnlich. Nachdem China den Tibetern grundlegende Freiheitsrechte zu verwehren sucht, das Recht auf freie Religionsausübung, friedliche Demonstrationen und freie Meinungsäußerung beschneidet, verstärkt sich der Widerstand aus der Bevölkerung – und die Mönche bilden das Rückgrat dieser Bewegung. Der Dalai Lama, das religiöse Oberhaupt der Tibeter, gilt dabei laut China als Drahtzieher des Konflikts, Seperatist, Landesverräter und Planer auch der jüngsten Unruhen. Der hat seine urspüngliche Forderung nach Unabhängigkeit Tibets aber schon längst zugunsten des Wunsches nach lediglich kultureller Autonomie aufgegeben.
Anders als die burmesische Junta hat das kommunistische Regime Pekings aber erheblich mehr zu verlieren. China riskiert, die Olympischen Spiele – einst als Symbol der Öffnung gegenüber dem Westen und neue Imagekampagne “eingekauft” und auch finanziell ausserordentlich kukrativ – auf dem Altar globalpolitischer Ränkespielchen zu opfern. Das vergossene Blut tibetanischer Mönche könnte nahezu postwendend zu einem weitreichenden Boykott der Spiele führen. Anders als die burmesischen Geistlichen haben sie die Trumpfkarte der öffentlichen Wahrnehmung und Solidarität in der Hand. Mit der olympischen Fackel kommt noch mehr davon in die Himalaya-Region – auch wenn es weitere Repressalien der chinesischen Regierung zur Folge hat. [SpiegelOnline]



15.March 2008 um 01:47 Uhr
Global Voices Online hat auch einige Berichte von Bloggern aus Tibet zusammengetragen und übersetzt.
Wenn man den Angaben von “mehr als 100 Toten” glauben kann, dann ist das ein großer Aufstand und eine noch größere Gewaltanwendung von Seiten der chinesischen Behörden.
15.March 2008 um 05:38 Uhr
[...] Burma” vor ( ja , auch weiterhin kann man unseren internationalen Feed abonnieren … ) . Breaking News sieht und zieht die Parallelen zwischen den akuten Ereignissen in Tibet und denjenigen in Burma [...]
15.March 2008 um 08:55 Uhr
Sollten es tatsächlich mehr 100 sein, wäre es natürlich eher die Niederschlagung eines Aufstands… Gestern Nacht hiess es aber zunächst übereinstimmend 2 Tote, heute morgen berichtet die BBC von 10… Da die Informationslage gestern noch eher dünn war, wußten wohl auch die Agenturen nicht genau, das einzuordnen… Aber bei 110.000 Einwohnern ist der Unterschied zwischen 100 und 10 Toten prozentual auch schon erheblich…
Müssen wir nun auch Blog4Tibet starten?
17.March 2008 um 17:43 Uhr
[...] NewsHQ Off the record Schulte-Web Telagon Tags für diesen Artikel: China – Olympiaboykott – Olympische Spiele – tibet [...]
18.March 2008 um 10:53 Uhr
[...] den Bildern aus Burma im letzten Oktober. Mönche gehen auf die Straße, das Militär eskaliert die vorher friedliche Demonstration und Reporter werden ausgewiesen / keine Nachrichten verlassen [...]
20.March 2008 um 20:12 Uhr
[...] NewsHQ Off the record Schulte-Web Telagon [...]
22.March 2008 um 16:32 Uhr
China-Tibet-Konflikt
Neuigkeiten; Hintergründe; Aufruf
Aufgrund der schnellen und negativen Entwicklung im Tibet-Konflikt sendete ich vor einigen Tagen eine Mail an einige Menschen, mit der Bitte einen Aufruf zum Boykott chinesischer Produktionsgüter zu starten.
Die entstandenen Fragen daraufhin waren vorwiegend folgende:
-Wie lässt sich das realisieren, bzw. geht das überhaupt bei der Übermacht chinesischer Produkte auf dem Markt?
-Was soll das bringen?
-Warum gerade Tibet als unterdrücktes Land unterstützen, wenn es doch so viele gibt?
Diese Fragen sind natürlich wichtig und berechtigt und die Gedanken dazu müssen zum Teil noch zu Ende gedacht werden.
Aber einiges kann dazu schon gesagt werden.
Ein hundertprozentiger Boykott Chinas ist wohl nicht zu realisieren, aber Chinas Wirtschaft derzeit zu unterstützen ist auf der anderen Seite gleichfalls inakzeptabel für viele Menschen.
An vielen Stellen lassen sich chinesische Produkte ohne Probleme erkennen und umgehen, an anderen Stellen ist das schwieriger, schon weil es auch manchmal nur um einzelne Bauteile geht. Die chinesische Wirtschaft ist jedoch das einzige, was wir als einzelner Bürger direkt beeinflussen können. Deswegen sollten wir diese Chance auch nutzen.
Es geht dabei auch nicht darum, China in den Ruin zu stürzen oder wirtschaftlich in die Knie zu zwingen. Aber was mit einem Massenboykott möglicherweise erreicht werden kann, ist die internationale Präsenz und Anteilnahme zu zeigen; und zwar so unmissverständlich, dass Chinas Regierung die Missstimmung bemerken muss, wenn sie die Entwicklung betrachtet.
Was es bringt und ob überhaupt ist durchaus fraglich aber an dieser Stelle bleibt nur wiederholt zu betonen, dass es der einzige Weg ist, einzugreifen.
Auch von der Regierungsebene her kommen mehr und mehr Stellungnahmen. Doch das reicht nicht! Vor China haben alle Angst. Es ist ein sehr wichtiger Wirtschaftspartner für alle Industrienationen und hat international einen festen Platz im Gefüge.
Wenn der Einzelne in dieser Sache nichts unternimmt, wird so schnell nichts getan.
Dazu kommt noch, dass es sowieso fraglich ist, wie sich das Mächtegefüge Tibet-China verhält. Wir Europäer können uns in diese Frage eigentlich nicht einmischen.
Zur Geschichte des Konfliktes ist Interessantes unter folgendem Link nachzulesen:
http://www.netzpunkt.de/konflikt/tibet/GESCHICH.HTM
Aus meiner Sicht geht es bei einer notwendigen Stellungnahme jedoch nicht darum den Tibetern oder den Chinesen Recht zu geben in ihren Forderungen und Zielen, sondern darum China zu verdeutlichen, dass ihr Vorgehen in diesem Konflikt international nicht anerkannt wird. Es ist nicht möglich und auch nicht angebracht, den Chinesen unsere Vorstellungen von Gesellschaft und Politik, von Demokratie aufzuzwingen. Doch hier geht es um Menschenrechtsverletzungen die wir nicht dulden dürfen.
Die relative Größe unseres Planeten wird dank Kommunikationstechnik und globalen Reisemöglichkeiten immer kleiner. Desto schwieriger wird es für uns wegzuschauen, wenn auf der anderen Seite (so weit weg…) derartige Dinge passieren. Und desto wichtiger wird es für uns auch, dass wir nebeneinander zumindest in Toleranz leben können.
Es wird nun zunehmend schwierig, einen Bericht zur Sachlage zu bekommen. Ausländische Journalisten sind mittlerweile nicht mehr vor Ort vertreten. Die letzte Meldung gibt an, dass China die Truppenstärke in Tibets Hauptstadt Lhasa weiter aufgestockt hat.
Bei jedem Beitrag muss man nun also befürchten, dass der Wahrheitsgehalt minimalistisch ist. Auch wird sich die Menge der Informationen in den nächsten Tagen wohl stark verringern.
Trotzdem gilt es, diese Sache nicht aus dem Gedächtnis zu verlieren.
Ich rufe also zum wiederholten Mal auf:
Boykottiert bis auf weiteres chinesische Produktionsgüter.
Mobilisiert Menschen diesem Aufruf zu folgen und ihn zu verbreiten.
Geht auf die Straße und demonstriert.
Verlasst Euch nicht darauf, dass andere die Sache regeln!
Je mehr Präsenz gezeigt wird, desto mehr darf man sich anmaßen zu glauben, dass die öffentliche Meinung auch gehört wird!
Dieser Text darf gern verbreitet und zur weiteren Arbeit geändert werden.
Vielen Dank im Voraus…
Zum Schluss noch eine alte Indianerweißheit: „Unsere Welt haben wir von unseren Vorfahren geerbt und von unseren Nachfahren geliehen.”
Es wäre schön, wenn wir sie später noch rechtfertigen könnten. Denn wir leben jetzt und wir schreiben jetzt Geschichte.
22.March 2008 um 18:44 Uhr
Alles gut und schön… nur vergißt es eine entscheidende Sache: Eine Änderung der Situation ist nur mit China herzustellen und nicht gegen China. Jeder Boykott – ob wirtschaftlich oder bzgl. Olympia – wird China nicht zum Umdenken überzeugen, sondern es in seinem Irrglauben bestärken, das es im Recht ist bzw. alle anderen im Unrecht. Nötigungen haben noch nie einen ernsthaften Sinneswandel vollbracht. Die Weltgemeinschaft wird dem Land etwas bieten müssen, damit es einsieht, das es Vorteile hat, die Menschrechte zu berücksichtigen.
22.March 2008 um 20:28 Uhr
“…sondern es in seinem Irrglauben bestärken, das es im Recht ist bzw. alle anderen im Unrecht.” Das verstehe ich nicht ganz, um ehrlich zu sein.
Ich kann dieser Argumentation im groben schon zustimmen, aber wenn wir China jetzt etwas bieten (was auch immer..?), haben wir uns dann nicht nötigen lassen? Nicht, dass das sonderlich schlimm wäre; insofern es etwas bringt sollte man das sofort tun!
Aber wie weiträumig ist der Begriff Nötigung..? Revolution ist doch letztlich auch nichts anderes, Landesspezifisch eben… Und dass das funktioniert, auch auf friedlichem Weg, ist durch einige geschichtliche Beispiele vertreten.
Also Frage: Was soll die Wltgemeinschaft China bieten können?
Und: Was kann ich als Bürger tun? Außer Demonstrationen zu besuchen selbstverständlich…
23.March 2008 um 10:49 Uhr
Ganz einfach… China fühlt sich (nach einer verqueren Logik) bezüglich Tibet im Recht, die Gewalt anzuwenden, die sie angewendet haben – und die gewaltsamen Ausschreitungen haben dem in die Hände gespielt. Ein Boykott muß daher als (Androhung einer) Bestrafung für ein in ihren Augen gerechtfertigtes Verhalten angesehen werden. Wenn du aber für etwas bestraft wirst, das du deiner Meinung nach nicht falsch gemacht hast, fühlst du dich auch ungerecht behandelt. Und wir wissen alle, dass die chinesische Sensibilität diesbezüglich (Gesicht verlieren und all dieser mystizistische Mist) schon sprichwörtlich ist. Da werden Hu und Wen auf stur schalten und die versammelte Weltgemeinschaft Null erreichen. Ganz unabhängig von der Frage, wie stumpf das jeweilige Boykott-Schwert denn tatsächlich ist.
Im Rahmen einer Verhandlungslösung (wie immer sie auch aussehen mag) wird ihr aber nichts abgenötigt. Die Welt erhielte ja etwas, dass sie durchsetzen möchte: Quid pro quo. Ob das überhaupt realistisch ist, angesichts der Unzulänglichkeiten der aktuellen Weltpolitik, muss dahingestellt bleiben – da bin ich auch nicht schlauer…
Ganz sicher wird es aber Dinge geben, die China haben möchte und im Austausch gegen Zugeständnisse bei den Menschenrechten erhalten könnte.
Was wir als Bürger tun können? Um unmittelbar in den Konlikt einzugreifen gar nichts, außer zu hoffen, dass unsere gewählten Regierungen klug genug sind, irgendwann den entscheidenden Geisteblitz zu haben. Alles andere, d.h. unsere Meinung kund zu tun, uns gegen chinesisch-produzierte Produkte zu entscheiden, Solidarität mit den Betroffenen zu bekunden etc. wird vielleicht keine unmittelbare Wirkung entfalten, aber es kann zur Bewußtseinsbildung beitragen, die vielleicht eines fernen Tages auch die chinesische Staatsführung erreicht.