Barack Obama spricht zu 200.000 Menschen in Berlin
Thursday, 24.July 2008 um 19:11 Uhr | Blogosphäre, Breaking News, Deutschland, Europa, Medien, Politik, Terrorismus, USA
Der Countdown zur “Berliner Rede” des designierten US-Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, Barack Obama läuft und der mediale Ausnahmezustand ist nahezu perfekt: Was wird der neue Hoffnungsträger der US-Politik sagen? Wieviele Menschen werden auf die Straße des 17.Juni kommen, um der Rede an der Siegessäule zu lauschen? Mal wieder ein kleines NewsHQ Live-Event, live-gebloggt – aber natürlich nicht von vor Ort, sondern am Fernseher.
18:55 Uhr:
Es werden wohl doch ein paar hunderttausend Menschen sein (Spätere Berichte sprechen von über 200.000), die die Straße zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule bevölkern. Erster Punkt für Obama, der auf dem Flug nach Deutschland ganz bescheiden noch alle optimistischen Prognosen im Millionenbereich herunterzuspielen suchte und davon sprach, dass sein Team die Größe des Veranstaltungsortes wohl doch unterschätzt habe.
Vor zwei Wochen habe man mit dem Manuskript für die Rede begonnen und die letzten Tage noch etwas daran gearbeitet. Auf die Reden Kennedys und Reagans angesprochen, erwiderte er:
“You know, they were presidents,” Obama said, ” I am a citizen.” [blogs.abcnews.com]
19:08 Uhr:
Die Themen der Rede sind durchgesickert. Der FoxNews-Reporter bestätigt, was ich heute bereits vermutet habe: Mit Hilfe der Deutsche-Einheits-Rhetorik will Obama offenbar auf eine neue, “transatlantische Einheit” zwischen den USA und Europa hinaus, die den europäischen Partner dazu bewegen soll, sich stärker im Kampf gegen den Terror zu engagieren.
19:20 Uhr:
Obama erscheint verspätet, als er um die Siegessäule herum ans Rednerpult tritt. Die Menge begrüßt ihn freundlich und mit “Obama, Obama”-Sprechchören, aber Fanmeilen-Stimmung hört sich irgendwie anders an. (Video der Rede am Ende dieses Eintrags)
Er komme als Bürger Amerikas und der Welt und nicht als Präsidentschaftskandidat, erklärt er, nachdem er sich mit den üblichen Dankesfloskeln einführt. “Ich weiß, ich sehe nicht so aus, wie die Amerikaner, die vor mir hier gesprochen haben”. beginnt er eine kurze Reminiszenz an seinen Vater. Das heutige Berlin sei dem Kampf und der Opfer von Männer und Frauen geschuldet, leitet der US-Senator seine Rede über und kommt schnurstracks über die amerikanische Luftbrücke und der dadurch gewonnenen neuen Hoffnung für Berlin im Schatten des Sowjetregimes zum einzigen großen Zitat des Abends, aus der Rede des ehemaligen Bürgermeisters von Berlin, Ernst Reuter: “Ihr Völker der Welt… schaut auf diese Stadt!” – natürlich in Englisch. Über den Fall der Mauer und der daraus folgenden neuen Demokratiebewegung über die ganze Welt habe sich später eine neue Gefahr für die Freiheit erhoben – der Terrorismus. Über den 11.September 2001 kommt er zur Globalisierung des Terrors, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass ein Teil der 9/11-Terroristen aus Hamburg kam.
Muss er dringend wohin? Einem Wirbelwind gleich rast er durch sein Manuskript, das oberflächlich nur Themen anriss, ohne sich ihnen sachlich und fundiert zuzuwenden. Dementsprechend reiht er Floskel an Floskel aneinander und wirft mit Schlagworten nur so um sich, ohne sich an dem Applaus der Massen zu stören:
Da wird davon geredet, dass es “Keine neuen Mauern, die uns trennen” geben dürfe, egal ob zwischen Rassen oder Religionen. Bestehende Mauern müßten jetzt niedergerissen werden: ”Diese Mauern sind auch früher schon gefallen!” Sie seien bereits in Berlin niedergerissen worden, in Belfast zwischen Protestanten und Katholiken, in Südafrika zwischen Weißen und Schwarzen, und auch auf dem Balkan. Es sei nie eine leichte Aufgabe und erfordere eine ständige Opferbereitschaft.
Das Mittel dazu sei eine “Diplomatie des Friedens”, ausgeübt von Verbündeten, die einander vertrauen. Deshalb dürften weder die USA noch Europa allein auf sich schauen. Beide haben keine besseren Verbündeten als einander. So sei es Zeit, sich gemeinsam von neuem einzussetzen für den Fortschritt: Begonnen vor Jahrzehnten mit der Luftbrücke, fortgesetzt heute mit dem Ziel eines Sieges über den Terrorismus. Dazu brachte er eine neue Grundlage für eine neue globale Partnerschaft gegen den Terror ins Spiel, so wie es die NATO im Kampf gegen den Ostblock gewesen sei. Ob es dazu einer neuen Institution bedarf blieb offen. Zum Krieg Amerikas in Afghanistan und Irak sagte er, dass sein Land die Arbeit in Afgahnistan und Irak nicht allein tun könne. Aber es stehe auch zuviel auf dem Spiel, als das man sich zu früh zurückziehen dürfe.
Klar Stellung bezog Obama gegen Atomwaffen: “Wir müssen die Atomwaffen loswerden!” forderte er weitere Abrüstungsbemühungen, um endlich eine friedliche Welt ohne Nuklearwaffen zu schaffen. Auch die Ansage an den Iran fiel deutlich aus: “Beendet die nuklearen Ambitionen!”
“This is the moment…” – Ein Hauch von “I have a dream” weht um die Siegessäule, als er wiederholt diesen Satzbeginn benutzt. Dies sei der Moment, an dem ”wir uns zusammentun müssen, die Erde vor uns selbst zu retten”, um den Kindern ihre Zukunft zurückzugeben. Nette Metapher zu Verringerung des CO2-Ausstoßes, aber wie zu bewerkstelligen?
Zurück zum Leitmotiv der Rede, der Berliner Luftbrücke: Die Soldaten der Luftbrücke hätten mehr gewonnen, als alle Bomberpiloten, nämlich Vertrauen. Den Hilfbedürftigen, die auf ihre Chancen warten, die Hand auszustrecken sei die kommende Aufgabe.
“Wir müssen ein besseres Beispiel abgeben” beendet Obama schließlich seine Rede: An die Bürger Berlins und der Welt gerichtet erklärte er abschließend: “Mein Land ist nicht immer perfekt gewesen”. Die USA hätten Fehler gemacht und ihre Versprechen nicht immer eingehalten. Auch hätte amerikanisches Handeln nicht immer den ursprünglich besten Intentionen entsprochen.
Um 19:49 Uhr ist er fertig.
Eine halbe Stunde für eine politische Grundsatzrede, die nicht viel mehr war als wohlinszeniertes Agendasetting. Die Amerikaner finden das vielleicht gut. Für mich geriet es zu oberflächlich, ohne dass er seine außenpolitische Kompetenz tatsächlich unter Beweis hat stellen können. Oder?
Update: Video / Wortlaut
Obama-Rede via youtube (englisch) | im Wortlaut via barackobama.com




25.July 2008 um 11:41 Uhr
Weltbürger Obama in Berlin…
Ach Gott! Die allseits beliebte Fanmeile musste in Berlin mal wieder herhalten: Wenn wir Deutschen gut drauf sind, dann gehts nicht mehr ohne, gell? Schließlich fanden sich dann 200.000 Menschen ein um der Rede des “Präsidentschaftskand…