Blog4Burma: 1 Jahr nach der “Safran-Revolution”, 1 Jahr nach “Free Burma”
Friday, 26.September 2008 um 00:00 Uhr | Blogosphäre, Free Burma (Birma/Myanmar), Krisenherde, Politik
Bereits Mitte August bis in den September 2007 hinein erhoben zunächst Hunderte, später Zehn- und Hunderttausende Birmesen tagtäglich ihre Stimmen, um im friedlichen Protest für ein besseres Leben zu streiten, nachdem die herrschende Diktatur willkürlich die Preise auf Benzin und Lebensmittel um ein Vielfaches erhöht hatte. Der Kampf um grundlegende Lebensbedingungen entwickelte sich schnell zu einer Freiheitsbewegung, die nach Jahren erstmals wieder – und dank des Internets vor den Augen der Welt – sichtbar gegen die Junta Myanmars aufbegehrte.

Nach einer Zeit des Zuwartens angesichts des friedlichen Protestes, an dessen Spitze sich zahlreiche buddhistische Mönche in ihren saf(f)ran-farbigen Roben gesetzt hatten, begann die Militärdiktatur am 25. bzw. 26. September 2007 schließlich mit der blutigen Niederschlagung der Demonstrationen, die in der Erschiessung des japanischen Kameramanns Kenji Nagai am 27.September mündete und offiziell am 29.September beendet wurde. Die genaue Zahl der Toten blieb abseits der kaum glaubwürdigen “offiziellen” Ziffern ebenso unklar, wie die der Verschleppten, Verhafteten und in schlimmsten Lagern und Gefängnissen Internierten.
Während der Protest der Straße schnell beseitigt war, nutzte das Regime die Gunst der Stunde, mit “ideologischen Säuberungen” noch Monate später die Opposition im Land engültig auszumerzen. Das dies nicht gelang, ist der unglaublichen Widerstandskraft der Menschen geschuldet, die kontinuierlich ihr Leben und ihre Freiheit aufs Spiel setzten.
Ein Jahr nach den September-Protesten
Die später als “Saf(f)ran-Revolution” bezeichnete Bewegung markiert den Beginn eines Jahres, das in seiner Tragik in der Geschichte Burmas leider nicht seines gleichen sucht, sondern sich einer jahrhundertelangen Entwicklung schwerer humanitärer wie politischer Verbrechen und Katastrophen anschließt. Der Niederschlagung der Friedensbewegung folgte das Zyklon-Desaster “Nargis” und das Demokratie-Desaster eines erzwungenen, manipulierten Referendums zur Bestätigung einer quasi-demokratischen Verfassung, die die Unfreiheit der Birmesen am Ende nur weiter manifestierte. Das “Kollektive Humanversagen” ist auch ein Jahr danach nicht behoben, noch immer und immer wieder scheitert die Menschheit in Burma wie anderswo kollektiv an sich selbst.
Da hilft es auch nicht, dass die birmesische Junta in einer groß kommunizierten Geste mehr als 9000 inhaftierte Menschen auf freien Fuß setzt. “Wegen guter Führung” entlassen und nicht aufgrund einer vollständigen Amnestie. Als Gnadenakt verschleiert, damit diese Menschen ihre restliche Kraft, ihr Leben als Sklaven kraft staatlicher Gefangenenresozialisierung dem “Aufbau einer neuen Nation” widmen – natürlich stets im Sinne des Regimes. Ob auch einige der in der Folge der September zu politischen Häftlingen gemachten Demonstranten darunter waren, blieb lange unklar – offenbar waren so gut wie keine dabei.
Schätzungen von Amnesty International zufolge habe sich die Anzahl der politischen Gefangenen in Myanmar von 1000 auf rund 2000 verdoppelt – darunter Führungsfiguren der moralischen, gesitigen wie intellektuellen Elite des Landes. Das der seit 19 Jahren inhaftierte Regimekritiker Win Tin entlassen wurde, kann daher nur ein kleiner Trost sein – auch wenn es für ihn und seine Angehörigen natürlich ein großes Glück ist. Trotzdem ist längst die altvertraute Atmosphäre der Hoffnungslosigkeit betreffend der Zukunft des Landes in die Straßen Birmas zurückgekehrt. Kleinere Bombenanschläge zeugen noch von einer gewissen Resistance, die Aussicht, das Regime zu Fall zu bringen ist aber wohl düsterer denn je. [BurmaDigest]
Die Gallionsfigur der Opposition, Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, hatte sich im Vorfeld des Jahrestags zu einem Mittel des passiven Widerstandes gegen das Regime entschlossen, den Kontakt zur Militärführung über einen Verbindungsoffizier abgebrochen und während ihres Hausarrestes mit einem Quasi-Hungerstreik begonnen, indem sie keine Nahrungsmittel mehr von der Junta akzeptierte und sich von Lebensmittelresten ernährte, während sie ihre wenigen Vorräte ihrer kranken Hausangestellten überließ. Nach knapp einem Monat akzeptierte sie Mitte September erstmals wieder Lebensmittelrationen, nachdem sie so schwach war, dass sie von ihrem Leibarzt Infusionen verabreicht bekam. Der Gesundheitszustand der 63-jährigen gilt als besorgniserregend. [BurmaDigest]
Ein Jahr nach der “Free Burma”-Aktion
Der gutgemeinte elektronische Aufstand in den unendlichen Weiten des Webs gegen das Unrecht in Birma mit dem Namen “Free Burma” blieb dagegen ziemlich folgenlos. Zwar wurde aus mehreren leisen individuellen Stimmen und Tastendrücken ein kurzfristiger, lauter Chor der Freiheit, der den Juntas der Welt und den Regierungen, die eigentlich hätten etwas dagegen tun können, kurzfristig entgegenschallte – aber die Akustik war schlecht und die Zuhörer auf ihren bequemen Sesseln im Parkett und auf den Rängen des Theaters der Weltpolitik eingeschlafen. Was blieb, war eine wohlgemeinte Solidaritätsaddresse einer Horde kurzfristiger Web-Aktivisten, die den Menschen Birmas nicht wirklich weiterhalf, außer zu versuchen, ihre Not hinaus in die Welt zu tragen.
Burma und Ich
Was bleibt, ist der Blick auf eine Burma/Birma/Myanmar-Situation, die sich innerhalb des letzten Jahres eher verschlechtert als gebessert hat. Vielleicht… ja vielleicht war es ja auch diese Erkenntnis, die dazu beigetragen hat, dass ich mich in den letzten Monaten nicht mehr mit dem Thema befasst und meine Teilnahme am Blog4Burma-Netzwerk de facto eingestellt habe. Die Dokumentation der ewig gleichen Perspektivlosigkeit hat sich über die Zeit wohl doch etwas abgenutzt, Aufmerksamkeit wie Interesse abgestumpft und zur Kapitulation vor dem Elend geführt. Das in diesem Moment so auszuschreiben erschreckt mich irgendwie…
Tatsächlich habe ich mich wohl nicht nur aus zeitlichen Gründen immer schwerer getan, einen Eintrag anzufangen oder angefangene Einträge zu beenden. Egal, was man schrieb, man hatte stets das Gefühl, sich zu wiederholen – was schlichtweg auch daran gelegen haben mag, dass sich die Meldungen, die man so im Feedreader verfolgte inhaltlich um immer diesselben aussichtslosen Entwicklungen drehten. Auch wenn es nicht leichter zu werden droht: Ich hoffe, ich werde künftig wieder etwas mehr schreiben können. Bis dahin kann ich nur die Blogs meiner Blog4Burma-Mitstreiter empfehlen:
in|ad|ae|qu|at, adaequat, Daburna, Bloguer ou ne pas bloguer, Burma News Utd., Khaipi, Birmania-Libre und Birmanie-Actualité.
Alle Artikel sind auch als RSS-Feed abonnierbar.
Seitenhieb: Ob ich wohl meinen Rechtschreib-Malus bezüglich Saf(f)ran mit meiner Rot-Grün-Schwäche entschuldigen darf??? Hat man davon, wenn man sich schlampigerweise am englischen “Saffron” orientiert.



26.September 2008 um 20:25 Uhr
Le chaton et la biche…
Blog4Burma : Running for Burma by The Burma Campaign UK. Et une pétition d’un groupe Facebook ; pour information. Un an : Blog4Burma : 1 Jahr nach der “Saffran-Revolution”, 1 Jahr nach “Free Burma” ; où The Breaking-News…
27.September 2008 um 07:58 Uhr
Es ist wirklich verdammt schwer , aus den ewig selben Meldungen über Rückschläge , Papiererklärungen und erneuten Katastrophen regelmässig eigene Berichte zu destillieren , die ja eh nur auf einen leeren moralischen Common Sense hinauslaufen .
Glücklich , wer da im Schwalle “gefühlter” Empörung permanent auf der Klaviatur des Pathos spielen kann -
“Glücklich ?! – Nein : Wir wir nicht brauchen , ist die schnelle Entrüstung im Gefühl , auf der richtigen Seite zu stehen . Was wir nicht brauchen , sind Leute , die kurz auf das Thema “( Free ) Burma” aufspringen , um Aufmerksamkeit zu keilen . Was wir brauchen , ist Mut zum Durchhalten , ist Mut zum Einbekenntnis der eigenen Grenzen – Vielleicht ist es gerade diese Ehrlichkeit , wie Du sie in Deinem Posting praktizierst , die hilft , neue Perspektiven zu ( er ) finden -
27.September 2008 um 10:01 Uhr
Letztlich ist es wahrscheinlich genau das, was uns B4B-Berichterstatter mit der Opposition Birmas und allen Birmesen tatsächlich verbindet: Die Suche und das Warten auf einem Hoffnungsschimmer, das Licht am Ende des Tunnels. Ob man es in absehbarer Zeit finden wird? Ich habe meine Zweifel daran, ob es Ihnen (und uns) so zufallen wird.
27.September 2008 um 11:21 Uhr
Solange Than Shwe nicht aus seinem Amt herausfault ,
solange sich das kritische Potential in der Armee nicht eines Anderen besinnt ,
solange Burma durch China ( wie ein frisches leak zeigt ) und die ASEAN gedeckt bleibt ,
solange USA , UN , EU bei ihrer lame duck- Papierpolitik bleiben ,
solange mittlerweile jeder Tag zum Remembrance Day für irgendein Menschenrechtsvergehen ist ,
wird man wohl – und auch das nur mit bangen Vorbehalten – auf die Wahlen 2010 hoffen können .
27.September 2008 um 12:09 Uhr
Auch auf die Gefahr hin allzu pessimistisch zu klingen, aber die Wahlen wird man getrost vergessen können, da sollte man sich nichts vormachen. Sie werden keinerlei Verbesserungen der Lage bringen, so lange sie nur zu dem Zweck dienen sollen, die Militärherrschaft auf birmesischen Boden zu zementieren. Dementsprechend wird die Junta einen Weg wie eine Rechtfertigung finden, die Opposition so weit wie möglich von der Wahl auszuschließen. Der Anfang ist schließlich schon lange gemacht, in dem man Aung San Suu Kyi das passive Wahlrecht aberkannte. Im übrigen sind zwei Jahre bis dahin eine lange Zeit…
Und so sehr man sich auch ein aktiveres Eingreifen von USA, UN oder EU oder gar ein gehirnwäschemäßiges Umdenken Chinas und der ASEAN wünschen mag, bleibt es am Ende richtigerweise an den Birmesen, sich selbst aus den Trümmern der Unfreiheit zu erheben, die die Junta in mehreren Jahrzehnten aufgetürmt hat. Vielleicht ist es der Tod Than Shwes, der die Initialzündung geben wird. Ich hoffe, dass es nicht der Tod Aung San Suu Kyis sein wird.
28.September 2008 um 03:57 Uhr
… kurz : ohne Selbsthilfe , keine Rettung :
stimmt schon , BN , aber :
Wie kommt es , dass es in Burma nie wirklich “zu etwas kommt” ?
Wo in Thailand Regierungsviertel gestürmt und besetzt werden …
Wo selbst in China während der Olympiade Bomben hochgehen ?
Warum entwickelt sich in Burma kein Terrorismus ?
Sind einige Tausend Jahre gottgleicher Königsherrschaft in Kombination mit einem uralten Buddhismus für die kollektive Mentalität so prägend ?
Oder liegt es an der zermalmenden Übermacht der staatlichen Militärs , dass selbst die militarisierte Untergrundopposition klein bleibt | beigibt ?
( Dies allles : keine rhetorischen oder Fangfragen . Ich wüsste dies wirklich gerne .)
28.September 2008 um 12:08 Uhr
Gute Fragen, für die offenbar noch keine ausreichenden Antworten gefunden sind.
Ganz bestimmt ist es (auch) eine Mentalitätsfrage und ganz bestimmt ist es zumindest für das Kollektiv noch immer zu schwer, die Fesseln in den Köpfen abzustreifen (Man könnte sich genauso fragen, warum die DDR-Insassen “erst” 1988/89 auf die Barrikaden gingen).
Das zeigen ja die Diskussionen innerhalb der Opposition und vor allem innerhalb der Mönchskloster, als es um die Frage der Bewaffnung ging: Viele vor allem der jüngeren Mönche waren da zwischenzeitlich recht pragmatisch und suchten einen argumentativen Weg, es vor ihrem Glauben zu rechtfertigen – manche Kloster hatten sich angeblich auch bereits mit selbsthergestellten, improvisierten Waffen ausgerüstet (Hab mich in einem meiner noch zu veröffentlichenden Drafts damit beschäftigt). Aber dieser massive Glaubenskonflikt ist nicht so einfach zu überbrücken.
Warum wohl ist Rambo so begehrt gewesen in Burma? Die Menschen sind sich vielleicht ihrer mangelnden Tatkraft und ihrem Zwiespalt wohl bewußt. Wahrscheinlich fehlt ihnen gerade eine Führungsfigur wie Aung San, der den Aufstand auch aktiv anführen kann. Seine Tochter Aung San Suu Kyi kann das nicht sein. Ich weiß nicht, ob es etwas helfen würde, wenn sie das Volk zum gewaltsamen Widerstand aufruft. Aber sie wird den Teufel tun, weil sie nicht das Blut der Menschen an ihren Händen kleben haben will. Im übrigen ist alles das an Personal, was auch nur annähernd zur Führung eines aktiven Widerstandes in der Lage wäre tot oder verhaftet. Ich glaube schon, dass es keine leere Phrase ist, wenn man sagt, dass dem Volk die moralische, geistige und intellektuelle Elite genommen worden ist: Kopflos denkt und plant es sich schwer.
Ob sich in Burma tatsächlich kein Terrorismus entwickelt, weiß ich nicht so recht. Kleine, klägliche Versuche von Bombenanschlägen werden ja offensichtlich unternommen, aber woher soll man sich den Nachschub besorgen, ohne das es die Junta-Krake mitbekommt? Da fehlt es offensichtlich an Verbündeten von außerhalb – was die Junta ja immer befürchtet, wenn sie von Einmischungen der CIA phantasiert.
28.September 2008 um 12:30 Uhr
Schon gesehen? Mit zwei Verlinkungen deines Beitrages hat er es auf die rivva.de Startseite geschafft und findet doch in den Top-Blogs keine Anerkennung. Da muss ich dem Herrn Basic doch mal eine Rüge aussprechen, denn anfangs war er ja sehr hinter dem Thema her. Naja, vielleicht auch nur zur Popularitätssteigerung und um politisch interessierte Leser dazu zu gewinnen.
28.September 2008 um 13:25 Uhr
Natürlich hab ich das gesehen – bin fast vom Stuhl gekippt, meine erste Rivva-Erwähnung! *g* Bezügl. der Resonanz muss man aber wohl das WE mitberücksichtigen, die meisten haben dann doch den Laden zugemacht…
Ich hab noch Anfang der Woche überlegt, Robert anzumailen und um was zitierfähiges bzgl. “Free Burma” zu bitten – aber habs dann gelassen. Ebenso hätte ich seinen alten Artikel nochmal trackbacken können. Aber wozu? Man könnte sich sicherlich noch etwas zugespitzter über die “Free Burma” auslassen, als ich es gemacht habe, aber es ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass es keinen mehr interessiert und ich wollte hier auch nicht allzu missionarisch wirken, weil es angesichts meiner mehrmonatigen B4B-Auszeit auch unglaubwürdig rüberkommen würde.
09.November 2008 um 21:58 Uhr
[...] Der Name der Initiative war einem in|ad|ae|qu|at-Artikel entlehnt und stand noch immer unter dem Eindruck der Geschehnisse des Septembers 2007 wie einer gewissen Erkenntnis und Enttäuschung darüber, dass der zunächst so laute [...]