Großalarm im Kölner Severinviertel
Einsturz des Stadtarchivs Köln
Tuesday, 03.March 2009 um 17:18 Uhr | Breaking News, Deutschland, Internet, Polizeimeldungen, Unglücke/Unfälle
Eilmeldungen zufolge ist in Köln das Gebäude des Historischen Stadtarchivs eingestürzt und hat zwei Nebengebäude zum Teil mit in die Tiefe gerissen. Ein riesiges Trümmerfeld bedeckte die davorliegende Severinstraße. Zur Ursache kursierten schnell Vermutungen, der Einsturz könnte mit einer nahegelegene U-Bahn-Baustelle in Zusammenhang stehen. Dessen Decke sei offenbar eingebrochen, die Baustelle mit Wasser vollgelaufen. Der WDR berichtet von der Pressekonferenz der Feuerwehr, die davon ausgeht, dass es zwischen Baugrube und Stadtarchiv Erdbewegungen in das 28 Meter tiefe Bauloch gegeben habe, die das Gebäude zum Einsturz brachten. Angeblich habe es schon vor sieben Tagen Risse im Fundament des Gebäudes gegeben, berichtete Radio Köln.
Bislang gibt es keine Informationen über Opfer, der WDR meldet 9 Vermisste. Offenbar ist es Bauarbeitern und den Mitarbeitern des Archivs zu verdanken, dass die meisten Personen noch vor dem Einsturz aus dem Gebäude fliehen konnten.
Eine Augenzeugin erklärte gegenüber n-tv: “Ich sah, wie die Risse in dem Haus immer höher kletterten [...] die Fassade begann zu bröckeln und dann fiel alles ganz langsam in sich zusammen. Wie in einem Film.” Die Frau, die in ihrem Auto auf der Severinstrasse unterwegs war, habe sich dann rückwärts fahrend von der Unglückstelle entfernt. [SpiegelOnline]
Ein Anwohner der betroffenen Straße twitterte das Unglück vom Balkon seiner Wohnung und veröffentlichte auch erste Bilder. Nach seinen Worten sind mehrere Betonmisch-LKW aufgefahren, um möglicherweise angrenzende Gebäude zu stabilisieren. Dazu würden diese eine “mittlere Jahresproduktion Beton” in den Boden pumpen. (Fotos dazu auch hier).
Blogger KingG berichtet ebenfalls von vor Ort.
Das Historische Archiv der Stadt Köln gilt als das größte kommunale Archiv nördlich der Alpen und umfasst 65.000 Urkunden, 104.000 Karten und Pläne und 50.000 Plakate sowie 500.000 Fotos zu Kölner Ereignissen. [ln-online.de]
Update 04. März 2009 – Pressekonferenz
Auf einer heutigen Pressekonferenz werden erste Einzelheiten zur konkreten Unglückssituation bekannt gegeben. Das Stadtarchiv und zwei Nebengebäude sind dabei durch Erdbewegungen unter den Fundamenten nach vorne in die U-Bahn-Baugrube, also Richtung Straße eingestürzt. Die Aufräumarbeiten gestalten sich schwierig, da man sich wegen der U-Bahn-Röhre kein schweres Gerät an den Unglücksort zu bringen traut. Stattdessen wird nun versucht mit Räumgeräten von der Hinterseite des ehemaligen Stadtarchivs einzugreifen, um überhängende Gebäudeteile des Nebengebäudes Severinstraße 230 abzubrechen, ohne das ein Einsatz von Bergungskräften nicht gefahrlos möglich wäre. Auf der anderen Seite des Stadtarchivs, muss das Gebäude Severinstraße 220 komplett abgerissen werden, weil es nur noch durch den Trümmerhaufen des Stadtarchivs stabilisiert wird.
Bergungskäfte konnten den hinteren Teil des Stadtarchiv-Gebäudes nach archivierten Gegenständen durchsuchen und zahlreiche Schätze in Sicherheit bringen. Zum Schutz vor der Witterung soll ein Kran mehrere Planen über die Unglücksstelle spannen, um mögliches wertvolles Archivgut nicht den Elementen auszusetzen. Die Stadt Köln hofft, aus den Trümmern weiteres historisches Gut retten zu können.
Den betroffenen Anwohnern, die zum Teil alles Hab und Gut in den Trümmern verloren haben, wurde schnelle unbürokratische Hilfe versprochen. Die Suche nach zwei bislang noch Vermissten, aber möglichen Todesopfern habe nach den Worten des Kölner Oberbürgermeisters Schramma Priorität. Es sei nicht absehbar gewesen, dass es durch den U-Bahn-Bau zu einem solchen Unglück habe kommen können. Es müsse alles getan werden, um den Bürgern Sicherheit zu geben, die in unmittelbarer Nähe von U-Bahn-Strecken nun Sorge haben.




08.March 2009 um 01:59 Uhr
Das Ereignis ist in jeder Hinsicht schrecklich. Aber bei aller Trauer um die Opfer bin ich der Meinung, dass es auch erlaubt sein muss, dem Verlust der Dokumente nachzutrauern. Deshalb habe ich mich auf meinem Blog an einem Nachruf versucht:
http://tonwertkorrekturen.wordpress.com/2009/03/07/gedachtnisverlust/#comment-27
Godwi
08.March 2009 um 09:29 Uhr
Ich denke es ist legitim, den Verlust der Dokumente zu bedauern. Darunter sind ja nicht nur bloß historische Artefakte, sondern in ihnen enthalten das Leben von Menschen. Wenn der Böll-Sohn erschüttert darüber ist, dass der Nachlass seines Vaters möglicherweise unwiederbringlich weg ist und mit ihm auch viele familiäre Schätze, die nicht so sehr das literarische Werk, sondern den Menschen Böll betreffen, dann verstehe ich seine Traurigkeit. Allerdings war es im Laufe der Berichterstattung schon nicht immer nachvollziehbar, warum die Vermissten nur in Nebensätzen erwähnt wurden und für die Bergung der Archivalien offenbar Kräfte an den Unglücksort gelassen, für die Suche nach Verschütteten aber immer wieder die Gefährlichkeit als Entschuldigung bemüht wurde. Vielleicht ist das sachlich nicht gerecht, aber ein bisschen merkwürdig kam es oftmals schon rüber….