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Verteidiger des Sicherheitskonzepts war nie vor Ort

Todesfalle Tunnel: Die Loveparade-Tragödie

“… Dies bedeutet auch das Aus der Love Parade!” – Mit den einzigen wirklich klar ausgesprochenen Worten auf einer ansonsten desolat geführten Pressekonferenz hat Veranstalter Rainer Schaller am Sonntagmittag die Techno-Veranstaltung zusammen mit den Todesopfern beerdigt. Nach der Massenpanik am ehemaligen Duisburger Güterbahnhof haben 19 Personen ihr Leben verloren. Neben zahlreichen Deutschen sind darunter auch jeweils ein Teilnehmer aus den Niederlanden, Australien, Italien und China. Die Todesopfer waren im Alter zwischen 20 und 40 Jahren.

     
Die Loveparade war schon immer Ort und Anlass des “Über-die-Stränge-schlagens”, eine fleischgewordene Eskalation der Ekstase und von ihren Anhängern heißgeliebtes Institut der organisierten Anarchie Hunderttausender Menschen, die nun – aus welcher Schnapsidee heraus auch immer – am Nachmittag des 24.Juli 2010 durch zwei Tunnel-bewährte Zugänge auf ein geschlossenes, zu klein dimensioniertes Veranstaltungsgelände mitten in Duisburg gepresst werden sollten. Nach aktuellem Stand verloren 19 Menschen ihr Leben, 340 Personen wurden zum Teil schwerst verletzt, als die Stahlbeton-Unterführungen der Karl-Lehr-Straße zum alten Güterbahnhofsgelände zur Todesfalle wurden: Massenpanik, Todesangst – Ein Trauma fürs Leben, dass die Überlebenden möglicherweise nie ablegen und die Angehörigen der Todesopfer nie werden fassen können. Ganz egal, was man von der Institution der “Love Parade” halten mag.

Während nur wenige hundert Meter weiter Menschen zu den Klängen der Techno-Beats ihre Körper im Tanz der Masse und beseelt von dem gemeinsamen Erleben, Alkohol und wohl auch der ein oder anderen Substanz ekstatisch aneinanderpressten, lagen auf der Karl-Lehr-Straße mehrere Menschen unfreiwillig auf- und übereinander, teilweise leblos, teilweise um ihr Leben kämpfend.

Die Maßlosigkeit der Feiernden und die Verzweiflung der Verunglückten spiegelt sich schließlich in der hilflosen Überforderung der Rettungskräfte und der schnoddrigen “Sind doch selber Schuld”-Ignoranz von einigen Ordnungshütern. Schnell überkommt die Szene eine Atmosphäre von Unmenschlichkeit und mangelnder Empathie, die sich noch verstärkt, als sich Vertreter der Stadt auf einer schnell einberufenen Presskonferenz von jeder Verantwortung zu distanzieren suchen, während Notärzte, Rettungskräfte und Ersthelfer noch immer um das Leben mancher Opfer kämpfen: Das Sicherheitskonzept habe funktioniert, die unberechenbare Masse habe unvorhergesehen reagiert und die Opfer seien selbstverschuldet zu Tode gekommen. Diese verheerend trotzig wirkende Reaktion kann schließlich auch durch Betroffenheitsaddressen und Beileidsbekundungen in ihrer Wirkung nicht mehr gemildert werden.

Wie die Massenpanik in dem 100 Meter langen, 16 Meter breiten Tunnel schließlich tatsächlich entstand ist nun Sache der Untersuchungen der Ermittlungsbehörden. Ob am Tunnelausgang von den Wänden in den Tod herabstürzende Flüchtende die Panik auslösten, oder schon zuvor die in der Unterführung zum Teil stundenlang feststeckende Masse unkontrolliert in Bewegung geriet – die Tatsache, dass die Örtlichkeit offensichtlich zu dem Unglück beitrug, kann und sollte niemand ernsthaft bestreiten.

 

Vorwürfe nehmen an Schärfe zu

Die Vorwürfe gegen Veranstalter und die Stadt Duisburg werden unterdessen immer lauter. Im Blog der “Ruhrbarone” wird exemplarisch scharf mit den Verantwortlichen abgerechnet:

“Seit dem Chaos in Dortmund war klar, dass die Loveparade im Ruhrgebiet anders ist, als die Szenenummer in Berlin. Aber geblendet von Zahlen und schönen Bildern, hielten ausgerechnet die Bürokraten aufgepeitscht von Public Relation Hoffnungen an der Technobespaßung fest. Dabei war schon Berlin die Fratze hinter den Beats für jeden, der es wissen wollte, zu sehen. Drogenfressen, Livepornodrehs im Tiergarten, Hecken knietief in Pisse und Schlamm dazu tonnenweise Müll. [...] Die Loveparade war da schon tot.

Im Pott merkten die Bürokraten nix davon. Im Gegenteil. Sie finanzierten auch noch die irrsinnige Orgie. Steckten Millionensummen in die Orga des Unfugs. Weil der Veranstalter, weil die DJs, weil die alle Geld wollten, um weiter zu machen.

Die Bürokraten erweckten die Loveparade zu neuem Leben. Sie schufen einen Zombie.

[...]

Aber der Duisburger Oberbürgermeister Sauerland hat die Leiche zum zweiten Mal erweckt. Hat den Zombie beatmet. Mit Geld – mit frischem Geld. Warum? Weil er Ruhm wollte für sich und seine Stadt. Sauerland, hättest Du doch dieses Geld nie besorgt. Hättest Du nur auf die Stimmen deines Rates gehört. Niemand wäre gestorben. Niemand.

[...]

Der Zombie der Loveparade ist unter den Händen der Pottbürokraten heute zu dem geworden was er ist. Eine blutige Bestie, bislang nur am Leben gehalten aus Gier nach Geld und Ruhm.”

 

Duisburger Polizei und Feuerwehr sollen ihre Bedenken bereits im Vorwege im Rahmen eines alternativen Sicherheitskonzepts geäußert haben, das die Stadt aber ablehnte. Das Polizeipräsidium hatte eine “großflächigere” Anreise der Teilnehmer angemahnt und unbedingt verhindern wollen, dass es zu einer Nadelöhrsituation kommen kann, die schließlich zumindest mitursächlich zur Katastrophe führte. Der Plan sei aber wegen des weitaus größeren Personaleinsatzes von der Stadtverwaltung verworfen worden. [SpiegelOnline]

Als Randnotiz nur das Pamphlet der Eva Hermann [im Google Cache], die die Todesfälle offenbar als Gottes Strafe für das “Sodom und Gomorrha” ansieht, mit dem sie die Loveparade vergleicht. Dazu meine gesonderte Replik hier.

    
Pressekonferenz wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet

Auch einen Tag nach der Tragödie rückten Oberbürgermeister Adolf Sauerland und der zuständige Dezernent Wolfgang Rabe unterdessen nicht von ihrer Exkulpationsoffensive des gestrigen Abends ab. Der Platz sei nicht überfüllt gewesen, die kolportierten Teilnehmerzahlen viel zu hoch und nicht zutreffend. Auf der Pressekonferenz am heutigen Mittag bestätigten sie, dass alle Unterlagen der Stadt von den Ermittlungsbehörden beschlagnahmt wurden und man diesen ”Rede und Antwort” stehen werde. Sauerland erklärte, dass er darüber hinaus “zum Schutz meiner Mitarbeiter” keine öffentlichen Angaben mehr zum Unglück machen werde. Wie entrückt diese Erklärungen wirken, die die beiden Kommunalpolitiker da von sich geben – zu ihren Gunsten muss wohl auch ihnen ein gewisser Schock und die Überforderung angesichts der Katastrophe zugestanden werden. Bereits zwei Strafanzeigen sollen der Polizei vorliegen. Der zuständige Polizeipräsident erklärte, dass 14 vor Ort verstorbenen Personen an der rechtsseitigen Wand des Tunnelausgangs hinter den Absperrungen in der Nähe eines Treppenaufgangs, zwei weitere an der gegenüberliegenden Seite an einer Plakatwand aufgefunden worden seien.
Der an der Planung des Sicherheitskonzepts beteiligte und gestern als glühender Verfechter zu dessen Verteidigung eingespannte “Stauforscher” Prof. Michael Schreckenberg mußte heute am Rande der Pressekonferenz erklären, dass er das Sicherheitskonzept vor der Loveparade zwar geprüft, aber die Gegebenheiten vor Ort niemals selbst angeschaut habe. Zudem räumte er ein, dass die Veranstalter die „Feierlaune“ der überwiegend jugendlichen Besucher möglicherweise falsch eingeschätzt haben könnten. [DerWesten]

 

Die “Love Parade”-Veranstalter zogen derweil die Konsequenzen aus der Katastrophe: Sie bedeute das “Aus” der Veranstaltung. Rainer Schaller betonte jedoch, dass es zuvor keine Bedenken gegen den Veranstaltungsort und das Sicherheitskonzept gegeben habe.

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Verfasser: BreakingNews
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• 3 Kommentare »

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3 Responses to “ Todesfalle Tunnel: Die Loveparade-Tragödie ”

  1. # 1 Jaymore Says:

    > Rainer Schaller betonte jedoch, dass es zuvor keine
    > Bedenken gegen den Veranstaltungsort und das
    > Sicherheitskonzept gegeben habe.

    So? Wenn ich folgenden Berichte lese, der vor der LP geschrieben wurde, und die Kommentare, die darauf folgen, so ist das schlicht und ergreifend unwahr:

    http://www.derwesten.de/kultur/musik-und-konzerte/loveparade/Loveparade-wird-zum-Tanz-auf-dem-Drahtseil-id3265037.html

    Scheinbar war es bereits den Anwohnern schleierhaft, wie das funktionieren soll. Da wurde teilweise sogar präzise vorhergesagt, wo es knallen wird. Und hinterher will keiner etwas davon gewusst haben?

  2. # 2 BreakingNews Says:

    @Jaymore:
    Er hat es wohl auf die internen Verabredungen mit der Stadt Duisburg bezogen, aber dass da eher die sprichwörtlichen Dollarzeichen in mancher Augen von jedweden Zweifeln abgelenkt haben, scheint sich immer mehr zu bewahrheiten.

    Was mich persönlich besonders ankotzt an diesem Skandal ist, dass die Stadt, die faktisch Mitveranstalter war, wenn sie die Chose auch noch mitfinanziert, sich quasi selbst die Ordnungsauflagen so zurechtbiegt, wie es gerade passt, damit man die Loverparade auch ja austragen kann… ein Unding….

  3. # 3 Hotte Says:

    Die PK am Sonntag war ein Witz und zeigte sehr deutlich, dass die Verantwortlichen einfach nicht geeignet sind: Der Bürgermeister war persönlich nicht in die Planungen eingebunden, der Veranstalter sagt gar nichts dazu, der Polizeichef hat alles richtig gemacht und der Leiter des Krisenstabes kam sowieso erst hinterher dazu. Die restlichen Antworten versteckt man hinter staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen. Und wenn die Zahlen über die Größe des Geländes und die erwarteten/angemeldeten Teilnehmer oder die Meldungen über Versetzungen von Veranstaltungskritikern im Vorfeld auch nur annähernd stimmen, gehören die alle in den Knast. Man muss ja kein Genie sein, um zu bemerken, dass 1 Mio Menschen nicht auf einen Platz passen, der etwa 300.000 Leute aufnehmen kann. Und Ein- und Ausgang über nur eine einzige Stelle (mit einem Tunnel dazwischen) zu regeln, ist einfach nicht mehr naiv sondern schon selten blöd.
    @BreakingNews “ein Unding” ist es. Stimmt genau.

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