Home » Kiel211 » Kiel211: Schrieb Opfer SMS für über 25.000 Euro? – SMS-Chat-Prozess wird fortgesetzt

Ende der Sommerpause im Mammut-Verfahren

Kiel211: Schrieb Opfer SMS für über 25.000 Euro? – SMS-Chat-Prozess wird fortgesetzt

In der kommenden Woche werden die beiden Betrugsverfahren gegen insgesamt fünf Angeklagte aus dem sog. “MintNet”-Firmenkomplex zum geschäftsmäßigen Be- und Vertrieb von kostenpflichtigen SMS-Chat-Diensten nach einmonatiger Sommerpause vor dem Landgericht Kiel fortgesetzt. Mit Spannung erwartet wird dabei u.a. die geplante Aussage eines mutmaßlichen Betrugsopfers, die während der achtmonatigen Nutzung eines SMS-Chats laut Anklage 12.621 SMS à 1,99 Euro versendet und dadurch einen Gesamtschaden von über 25.100,- Euro erlitten haben soll. Dies entspricht einem Durchschnitt von über 50 versendeten Kurzmitteilungen pro Tag.

Drei mittlerweile aus der 19 Monate andauernden Untersuchungshaft entlassenen Hauptangeklagten und zwei mutmaßlichen Strohmännern wird täter- bzw. teilnehmerschaftliche Beteiligung an gewerbsmäßigem Bandenbetrug vorgeworfen. Mittels eines ausgeklügelten Firmengeflechts sollen sie den betrügerischen Be- und Vertrieb von Premium-Mehrwertdiensten verschleiert und arglose Kunden mit der Aussicht auf Kontaktvermittlung zu anderen Nutzern geködert sowie zur anhaltenden Nutzung kostenpflichtiger SMS-Kurzwahlnummern verführt haben. Für 1,99 Euro pro SMS erhielten die Geschädigten jedoch keinen Kontakt zu realen Traumpartnern, sondern wurden bezahlten Animateuren zugeleitet, die systematisch und nach einem speziellen “Fahrplan” mit entsprechenden Handlungsanweisungen mehr als 700.000 Handy-Nutzern Kosten von insgesamt über 46 Millionen Euro verursacht haben sollen. Die Verteidigung hält die Anklage auch weiterhin aus verschiedenen Gründen für fragwürdig, eine Strafbarkeit ihrer Mandanten wegen des Betriebs von SMS-Chats für zweifelhaft.

 

“Geschädigte Nr.1″  chattete für über 25.100,- Euro

Elf Monate nach Prozessbeginn und weit über 70 Verhandlungstagen befasst sich die 6. Große Strafkammer des Landgerichts Kiel nunmehr mit der Aussage der “Geschädigten Nr.1″, die mit über 25.100,- Euro den höchsten Einzelschaden aller 53 exemplarisch in der Anklage genannten mutmaßlichen Geschädigten erlitten haben soll und daher die staatsanwaltschaftlich verfasste Liste innerhalb der Anklageschrift anführte. Ob die Zeugin über die konkreten Umstände ihrer Chat-Nutzung öffentlich aussagen wird, ist jedoch unklar. Das aus den beschlagnahmten Datenbanken des MintNet-Firmenkomplexes extrahierte, mehrere Akten-Ordner umfassende Chat-Protokoll liegt dem Gericht vor. Die Kammer hatte bereits vor der Sitzungspause Kopien an die Verfahrensbeteiligten ausgehändigt und diesbezüglich das sog. “Selbstleseverfahren” zur Vorbereitung der Vernehmung angeordnet.

Aus einer früheren Verlesung von E-Mails der Frau ist nur bekannt, dass sie Anfang April 2008 mit einem angeblichen 53-jährigen Mann mit dem Alias ”Ulli53″ in Kontakt getreten war. Mit der Begründung, dass er beruflich viel unterwegs sei und es daher nicht so oft schaffe, ins Netz zu gehen, hatte er die Frau zum Kontaktmarkt flirt-jungle.de  gelotst, über den schließlich der SMS-Chat angebahnt worden sein soll. Zwischen dem 5. April und 3. Dezember 2008 soll die mutmaßlich Geschädigte schließlich 12.621 SMS versendet haben. Schon zwei Wochen nach Beginn des SMS-Chats hatte die Zeugin den Betreiber des Kontaktmarkts in mehreren E-Mails zunächst darum gebeten, die “Handynummern freizuschalten”, um deren gegenseitigen Austausch bewerkstelligen zu können, und später verlangt, ihr alternativ die Handynummer von “Ulli53″ zu übermitteln, da man “zusammengefunden” habe. Sobald man die Handynummer des anderen habe, sei die Abmeldung aus dem Kontaktmarkt geplant, schrieb die Frau offen: “Kann man das so machen?”, flehte sie im vierten Schreiben. Zehn Tage später ”kündigte” sie ihre Teilnahme auf dem Kontaktmarkt und bat darum, zu veranlassen, ihrem Chatpartner ihre Adresse zu übermitteln. Dennoch schrieb sie dem vermeintlichen Gegenüber monatelang weiter kostenpflichtige SMS.

[Link zur archivierten mutmaßlichen Seite flirt-jungle.de von Ende März 2008 bei archive.org - Anmerkung: Da es sich lediglich um die Kopie einer nicht mehr existenten Seite handelt wird sie nur noch unvollständig dargestellt.

[Link zur archivierten Unterseite des Users "Ulli53" bei archive.org - Anmerkung: Da es sich lediglich um die Kopie einer nicht mehr existenten Seite handelt wird sie nur noch unvollständig dargestellt.

Flirttext: "Bin eigentlich ein ganz knuffiger und liebenswürdiger Typ, auch wenn es auf dem Foto nicht so aussieht ;-) Suche liebevolle Frau für alles Schöne im Leben..damit die Sonne wieder scheint :-) " ]

 

[Eine "Kiel211Spezial"-Übersicht mit der kontinuierlichen Dokumentation von Verfahrensanträgen seitens der Rechtsanwälte Dr. Michael Gubitz und Dr. Wolf-Rüdiger Molkentin findet sich unter http://Kiel211.de/SMSChat ]

Verwandte Artikel


Verfasser: BreakingNews
Tags:, , , , , , , , , , , , , , , , ,
• 1 Kommentar »

Trackback URI | Comments RSS

One Response to “ Kiel211: Schrieb Opfer SMS für über 25.000 Euro? – SMS-Chat-Prozess wird fortgesetzt ”

  1. # 1 Kiel211: Abbruch der Befragung von Hauptgeschädigter im SMS-Chat-Prozess | NEWS HQ Says:

    [...] Fortgang der Beweisaufnahme im sog. SMS-Chat-Prozess behindert. Am dritten Tag der Vernehmung einer 52-jährigen mutmaßlich Hauptgeschädigten, die für das Versenden von 12.621 SMS i… und damit laut Anklage die höchste Einzelschadenssumme beklagt, mußte die 6. Große [...]

Eine Frage, eine Anregung oder eine Meinung dazu?